Technikgeschichte

Die Geschichte der Warenautomaten

Vom antiken Weihwasserspender bis zur Schokoladenwand am Bahnsteig: Die Idee, Waren ohne Verkaufspersonal gegen eine Münze auszugeben, ist über zweitausend Jahre alt. Die folgende Zeitleiste zeigt die wichtigsten Entwicklungsschritte – mit besonderem Blick auf die deutsche Automatengeschichte.

Kurz erklärt

Ein Warenautomat gibt gegen Münzeinwurf eine physische Ware aus. Er unterscheidet sich damit von einem Spielautomaten, der eine Unterhaltungsleistung oder Gewinnchance bietet. Beide Gerätegattungen teilen sich jedoch dieselbe Wurzel: die mechanische Münzprüfung des späten 19. Jahrhunderts.

Zeitleiste: Von der Antike zur Automatenindustrie

1. Jahrhundert n. Chr.

Der erste bekannte Münzautomat

Der griechische Mathematiker und Ingenieur Hero von Alexandria beschrieb einen Apparat, der nach Einwurf einer Münze eine festgelegte Menge Weihwasser ausgab: Das Gewicht der Münze drückte einen Hebel nach unten und öffnete kurzzeitig ein Ventil. Diese Konstruktion gilt gemeinhin als frühester dokumentierter Vorläufer des Verkaufsautomaten.

Ab ca. 1615

„Ehrlichkeitstabakbehälter“ in England

In englischen Wirtshäusern kamen messingene Münzbehälter für Pfeifentabak auf – nach Einwurf einer Münze öffnete sich die Dose. Diese frühen Geräte arbeiteten bereits nach dem Grundprinzip späterer Warenautomaten, blieben aber technisch sehr einfach.

1867

Frühes Patent in Berlin

Carl Ade erhielt in Berlin ein Patent für einen funktionierenden Verkaufsautomaten. Ob das Gerät jemals tatsächlich in Betrieb ging, ist historisch nicht eindeutig belegt.

1883

Percival Everitt und der Postkartenautomat

In London meldete Percival Everitt ein Patent für einen Automaten an, der Postkarten, Briefumschläge und Schreibpapier ausgab. Das Gerät verbreitete sich rasch an Bahnhöfen und Postämtern und gilt als Ausgangspunkt der modernen Münzautomaten-Technik. Nur wenige Wochen später, am 2. Mai 1883, erhielten Ferdinand Uecker und Emil Wirba das deutsche Reichspatent Nr. 24721 für einen „Automatischen Verkaufsbehälter für Cigarren“.

1887

Stollwerck bringt Schokolade in den Automaten

Von einer USA-Reise inspiriert, ließ Ludwig Stollwerck Verkaufsautomaten mit Schokolade und Süßwaren-Warenproben befüllen. Gemeinsam mit Max Sielaff (Münzprüfsystem) und Theodor Bergmann (gusseiserne Gehäuse) entstanden die ersten deutschen Warenautomaten-Modelle „Rhenania“ und „Merkur“. In England wurde im selben Jahr mit der Sweetmeat Automatic Delivery Company das erste auf Aufstellung und Wartung von Automaten spezialisierte Unternehmen gegründet.

1888

Kaugummi in New York, Patent in Berlin

In New York installierte die Thomas Adams Gum Company Kaugummiautomaten auf den Bahnsteigen der Hochbahn – der erste Verkaufsautomat in den USA. Im selben Jahr registrierte das Kaiserliche Patentamt die Erfindung des Berliners Max Sielaff, den „Selbsttätigen Verkaufsapparat“ (Patentschrift Nr. 43 055), der als bedeutender Schritt für die deutsche Warenautomaten-Industrie gilt. Kleinere Wandautomaten mit zwei Einwurföffnungen für Schokolade und Bonbons waren zu diesem Zeitpunkt bereits verbreitet.

1890er-Jahre

Massenverbreitung

1893 standen in Deutschland bereits rund 15.000 Stollwerck-Automaten, allein in New York zählte man 1894 rund 4.000 Geräte. 1890 nahm Paris zudem den ersten bekannten Getränkeautomaten in Betrieb, der Bier, Wein und Spirituosen ausgab.

Frühes 20. Jahrhundert

Vom Wandautomaten zum Warenhaus ohne Personal

In den folgenden Jahren kamen größere, reich verzierte Standautomaten hinzu, und das Warenangebot erweiterte sich um Zigaretten, Streichhölzer, Kaugummi und Seifenprodukte – vergleichbar mit den Bauformen, wie sie im Datenbank-Archiv dieser Seite als Musterbeispiele für Schokolade, Zigaretten und Kaugummi dokumentiert sind. In den USA eröffnete 1902 zudem ein vollständig automatisiertes Restaurant, in dem Speisen aus Schauklappen entnommen wurden.

1930er-Jahre und später

Neue Warengruppen

Ab den 1930er-Jahren kamen Automaten für Softdrinks hinzu, in den folgenden Jahrzehnten auch für Parfümproben und andere Kosmetikartikel – wie beim Musterbeispiel des Parfümautomaten „Fleur“ in unserer Datenbank. In Japan wurde bereits 1888 ein Patent für einen „automatischen Warenautomaten“ angemeldet; erhaltene frühe Geräte von etwa 1900 gaben Briefmarken, Postkarten oder Sake aus.

Warenautomat vs. Spielautomat

Warenautomat und Spielautomat entstanden aus derselben technischen Wurzel – der mechanischen Münzprüfung – verfolgten aber von Anfang an unterschiedliche Zwecke: Der eine gibt eine Ware aus, der andere eine Unterhaltungsleistung oder Gewinnchance. Wer sich für die Geschichte der Spielautomaten interessiert, findet dazu umfangreiches Material auf spezialisierten Sammlerseiten.

Weiterlesen im Archiv

Die vier Musterbeispiele in der Datenbank zeigen, wie einzelne Automatentypen – vom Schokoladenautomaten über den Zigarettenautomaten bis zum Kaugummiautomaten – später mit recherchierten, echten Angaben dokumentiert werden können.